Regency Roses – Keine Lady für den Ballsaal

Der Earl of Windham ist ihr größter Feind –
und zugleich ihre einzige Hoffnung.

England, 1814
Der plötzliche Tod seines Vaters holt Valerian Gale von seinen Ausgrabungen in Pompeji zurück nach England. Dort erwarten ihn nicht nur der Titel des Earls of Windham und der Vorsitz des »Zirkels der Freunde der römischen Antike«, sondern auch ein belastendes Vermächtnis: Sein Vater hat die Familie in finanziellen Nöten zurückgelassen und schuldet zudem drei mächtigen Lords spektakuläre römische Artefakte.
Die Archäologin Minerva Jarvis kann sich nicht an ihren grandiosen antiken Funden in Kent erfreuen, fangen damit ihre Schwierigkeiten doch gerade erst an. Als Frau spricht man ihr jeglichen Sachverstand ab, und der einflussreiche Londoner Archäologen-Zirkel lässt nichts unversucht, um in den Besitz ihrer Entdeckungen zu gelangen. In dieser Misere steht plötzlich Algernon Eastwick, ein einfacher Sekretär aus London, wie ein rettender Engel vor der Tür ihres Landhauses. Bald schon muss Minerva sich eingestehen, dass sie sich den gutaussehenden Kenner der römischen Antike nicht nur als unverzichtbaren Grabungspartner vorstellen kann … Als er über Nacht verschwindet, folgt Minerva ihm nach London. Sie will den Mann, an den sie ihr Herz verloren hat, unbedingt wiederfinden – unwissend, wer er in Wahrheit ist!

xxx Seiten

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Der Roman ist erhältlich ab 25. August 2024

Leseprobe – Keine Lady für den Ballsaal

Mai 1814

Vorsichtig entfernte Minerva die Erde vom Untergrund. Pinselstrich für Pinselstrich. Dann hielt sie den Atem an und wartete.
Als der Staub sich gelegt hatte, leuchteten ihr erste helle, quadratische Steinchen entgegen – strahlend und unversehrt, als wären sie nicht mehr als tausend Jahre unter Unmengen von Sand und Steinen verschüttet gewesen. Minerva überlief ein aufgeregtes Kribbeln und sie musste sich daran erinnern, trotz aller freudiger Anspannung das Luft holen nicht zu vergessen. Mühsam bezähmte sie die aufkommende Ungeduld und arbeitete sorgfältig weiter.
Der nächste Pinselstrich. Und noch einer.
Neue Mosaiksteinchen kamen zum Vorschein, nun in verschiedenen dunklen Brauntönen. Der Beginn eines Musters? Nein, dazu wechselten die Farben zu unregelmäßig. Atemlos schob sie mit dem Pinsel Erdklümpchen um Erdklümpchen beiseite. Die Steinplättchen nahmen eine hellbraune Färbung an, wechselten dann abrupt ins Weiß und schließlich ins Schwarz.
Bei den sieben Hügeln Roms!
Minerva hielt in der Bewegung inne und starrte auf das, was sie soeben freigelegt hatte. Ein übergroßes Auge mit dunkler Pupille starrte sie an, über dem sich eine energisch gebogene Braue wölbte. Hastig pinselte sie weiter. Ein zweites Auge kam zum Vorschein. Eine Nase, dünn und langgestreckt, darunter ein leicht geöffneter Mund umgeben von grauen Bartsträhnen. Das Bildnis eines alten Mannes?
Minerva wischte sich über den verschwitzten Nacken, schob den angehäuften Sand beiseite und warf ein paar Steinchen aus der Grube, um mehr Platz zu haben. Dann setzte sie den Pinsel oberhalb der Augenbrauen an. Eine gefurchte Stirn erschien, darüber graues Haar in gewellten Strähnen aus dem sich … Sie stutzte. Aus dem sich Fische wanden. Eindeutig. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Konnte dieser Kopf etwa …?
Ihre professionelle Ruhe war dahin. Mit einer Eile, für die ihr Vater sie getadelt hätte, führte sie den Pinsel rund um das steinerne Portrait. Erde flog nach allen Seiten und Staub wirbelte in der warmen Maisonne auf. Da! Kleine Verzweigungen wuchsen dem Mann aus dem Kopf. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Damit gab es keinen Zweifel mehr, wen dieses Bildnis darstellen sollte.
»Minerva? Minerva!«
Die Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihrer Faszination. »Ich bin hier drüben, Mama.« Sie erhob sich widerwillig, kletterte aus dem Grabungsfeld und klopfte sich gerade den Dreck von ihrem Hosenkleid, als ihre Mutter bei ihr ankam.
»Hast du den Gong fürs Abendessen nicht gehört, Minerva?«
»Schon so spät?« Prüfend sah sie zur Sonne, die bereits ziemlich tief stand. »Ich habe etwas Unglaubliches entdeckt, Mama. Sieh doch nur.« Sie wies hinab in die Grube. »Ein verpasstes Dinner ist nichts dagegen.«
Wie erwartet trat ihre Mutter an den Rand und schaute hinunter. Sogleich wurden ihre Augen groß. »Ein Mosaik! Ist das etwa Okeanos?«
Minerva nickte. »Der Meeresgott höchst persönlich, bei uns in Britannien.«
»Erstaunlich! Ich habe bisher nur von Funden rund ums Mittelmeer gehört. Aber die Fische und Korallenäste auf seinem Kopf lassen keinen Zweifel zu.« Ihre Mutter raffte die Röcke ihres Kleides, stieg in die Grube hinab und wischte mit der Hand die letzten Erdkrümel von dem Steinporträt fort. »Irgendetwas stört mich bei diesen Korallen.« Sie wies auf die Steinplättchen, die die Tentakel darstellten. »Sie sind so dünn und verzweigen sich nach oben.«
»Das ist mir in meiner Begeisterung gar nicht aufgefallen.« Minerva sprang zu ihrer Mutter in die Grube und kniete sich neben sie. »Sieht wirklich eher nach Ästchen aus als nach Korallen. Wie merkwürdig.«
»Allerdings. Ich meine, das bei anderen Darstellungen so nicht gesehen zu haben.«
»Vielleicht soll es Seegras sein.« Stirnrunzelnd betrachtete Minerva das Stück des freigelegten Mosaiks. »Aber das lässt sich herausfinden. Was glaubst du, wie groß das gesamte Bild sein wird?«
»Mindestens fünf auf sechs Yards, wenn ich an die Mosaike in Pompeji denke. Möglicherweise auch größer.«
»Das wäre ein Sensationsfund.« Minerva spürte die Aufregung bis in die Fingerspitzen und ihre Handflächen wurden feucht. Schon sah sie das Mosaik vor sich, ebenso farbenprächtig und beeindruckend wie die Steinteppiche in der Stadt am Vesuv. Besucher, die staunend davorstanden. Archäologen, die die Darstellungen diskutierten und versuchten, dem Mosaik neue Erkenntnisse über die Vergangenheit abzuringen. Sie selbst mittendrin, geschätzt für ihre sorgsame Arbeitsweise beim Ausgraben, ihre exakte Dokumentation und ihre durchdachten Theorien über die Bedeutung des Fundes für die Wissenschaft. »Wir müssen das Mosaik abdecken, um es vor Witterungseinflüssen zu schützen.« Minerva schaute zu Hamish hinüber. Der Angestellte arbeitete sich an einer anderen Stelle ihrer Grabung entlang einer Grundmauer ins Erdreich.
»Außerdem müssen wir überlegen, wie wir mit der Entdeckung umgehen wollen«, sagte Mama.
Bei diesen Worten verflog Minervas Euphorie schlagartig. »Ein zweites Mal wird mir der Zirkel meinen Fund nicht wegnehmen.«
»Vielleicht sollten wir direkt an das Britische Museum herantreten. Man wäre dort sicher glücklich, dieses Mosaik in seinen Räumen auszustellen.«
Minerva verzog das Gesicht. »Das Museum wird von Männern geleitet. Man wird mich dort ebenso ausbooten wollen, wie es Lord Windham und seine arroganten Zirkelfreunde getan haben.« Mit verstellter Stimme ahmte sie die Worte nach. »Frauen sind keine Archäologinnen, Miss Jarvis. Nur weil Sie ein paar Bücher gelesen und Ihren Vater begleitet haben, macht Sie das nicht zur Expertin für die römische Antike. Ihnen fehlen der Verstand, die Bildung und das Durchhaltevermögen für ein solch komplexes Unterfangen wie eine Grabung. Seien Sie froh, dass wir das nun übernehmen und Sie sich Dingen widmen können, die Ihrem zarten weiblichen Naturell mehr entsprechen.« Am liebsten hätte sie mit dem Fuß aufgestampft, besann sich aber rechtzeitig, dass ihre Mutter neben ihr stand.
Besänftigend legte diese ihr die Hand auf den Arm. »Was willst du tun, mein Kind? Wir dürfen eine solche Entdeckung weder der Öffentlichkeit noch der Wissenschaft vorenthalten.«
»Ich bin die Letzte, die den Fund verheimlichen will. Aber ich lasse mir nicht erneut mein Können als Archäologin absprechen.« Ratlos sah sie auf das Mosaik hinab, das seit Jahrhunderten kein Mensch mehr erblickt hatte.
»Wir könnten hier ein eigenes kleines Museum errichten«, sagte Mama.
»Von dem der Zirkel schnell erfahren würde.«
»Du hast recht. Damit würden wir einer Konfrontation mit Ihnen nicht entgehen.« Sie schüttelte den Kopf. »Ach, wenn nur dein Vater noch leben würde, dann gäbe es diese Schwierigkeiten nicht.«
Minerva erwiderte nichts. Auch wenn ihr geliebter Vater noch bei ihnen wäre, wollte sie doch endlich um ihrer selbst willen anerkannt werden und nicht als Tochter des allseits geschätzten Archäologen Graham Jarvis in Wissenschaftskreisen bloß geduldet sein.
»Du bräuchtest einen männlichen Fürsprecher, der dich in der Auseinandersetzung mit dem Zirkel unterstützt«, sprach ihre Mutter weiter.
»Und der sich am Ende selbst alles unter den Nagel reißt?«
»Nicht alle Männer sind hinterhältig. Denk an Baron Efferton. Er ist eine Seele von Mensch.«
»Ja, Papas Freund würde mich sicher nie hintergehen. Aber ich will nicht nur Respekt, bloß weil einer der reichsten Adligen des Landes hinter mir steht. Verstehst du das nicht, Mama?«
»Gewiss, doch so sind nun mal die Umstände, Minerva. Du wirst dich ihnen beugen müssen.«
»Oder die Umstände müssen sich ändern!« Sie warf ihren Pinsel hinab auf die Erde.
»Ach, Kind. So einfach ist das Leben nicht. Je eher du das einsiehst, desto weniger Enttäuschungen erlebst du.« Mama hob den Pinsel auf und reichte ihn ihr. »Soll ich dem Baron einen Brief schreiben? Schließlich hat er uns bei unserer Rückkehr nach England angeboten, dass wir uns jederzeit an ihn wenden können, wenn wir Hilfe benötigen.«
Worauf Minerva bisher verzichtet hatte. Sie wollte beweisen, dass sie es allein schaffen konnte. »Warte damit bitte. Erst werde ich das Mosaik komplett freilegen, um zu schauen, ob wir mit seiner Größe recht behalten.« Bestimmt fiel ihr währenddessen eine bessere Lösung ein als Lord Efferton. So groß dessen Herzensgüte war, so gering war sein Wissen über archäologische Ausgrabungen im Allgemeinen und die römische Antike im Besonderen. Am Ende würde er sie möglicherweise aus gutem Glauben heraus zu überzeugen versuchen, doch alles an den Zirkel abzutreten.
»Vielleicht gäbe es noch eine andere Möglichkeit als den Baron«, begann Mama zögernd.
Minerva ahnte, worauf sie hinauswollte. »Ich werde nicht heiraten.«
»Aber es würde nicht nur im Hinblick auf deine Ausgrabungen alles einfacher machen.«
»Natürlich.« Ihre Stimme troff vor Sarkasmus. »Mein Ehemann würde mir das Graben entweder verbieten, weil er kein Verständnis dafür hat, oder meine Leidenschaft teilen und sich selbst als Entdecker feiern lassen.«
»Das weißt du nicht.«
»Jetzt bist du naiv, Mama! Glaubst du nach all unseren Erfahrungen hier, dass auch nur ein einziger Gentleman aus dem Ton – denn an einen solchen denkst du bestimmt – gewillt ist, öffentlich anzuerkennen, dass seine Frau gebildet, selbstständig und erfolgreich ist?«
Ihre Mutter öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder. »Für heute solltest du deine Arbeit beenden und dich umziehen«, sagte sie schließlich. »Ich werde das Essen bald auftragen lassen.« Sie nickte ihr zu und ging zurück zum Haus.
Minerva seufzte. Sie wusste, dass die Diskussion mit Mama um eine Eheschließung nicht beendet war. Sie las ihre Werkzeuge auf und stieg aus der Grube. Im Licht der untergehenden Sonne betrachtete sie das Mosaik zu ihren Füßen. Okeanos’ dunkle Augen schienen auf einen fernen Punkt am Himmel zu starren, als gingen ihn ihre Probleme nichts an.
»Dabei könnte ich die Unterstützung einer mächtigen Gottheit wie dir gut gebrauchen«, sagte sie zu ihm. Mit jedem Tag, der verstrich, wurde es wahrscheinlicher, dass der Zirkel von dem Mosaik erfuhr und Ränke ersann, um es in seinen Besitz zu bringen. »Kannst du denn keinen Zauber wirken, damit Frauen als Forscherinnen ernstgenommen werden?«, raunte sie dem steinernen Kopf zu.
Doch Okeanos hüllte sich in Schweigen.
Wie es aussah, musste sie den Kampf gegen den Zirkel allein ausfechten.

Minerva, Valerian & die Römer in England

 

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