LESEPROBE

SOPHIAS KRIEGER

Kapitel 1

Dorf der Lor’Cain, Parnea-Gebirge

„Die Entscheidung des Stammesrates ist gefallen.“
Unwillkürlich hielt Duncan die Luft an. Das Wispern der Männer, Frauen und Kinder um ihn herum auf dem Dorfplatz erstarb. Alle sieben Jahre wurde aus den fähigsten Kämpfern der Lor’Cain der Beste für die Aufgabe des Blutkriegers auserkoren. Und nun stand der Name des neuen Titelträgers fest! Nervosität breitete sich in ihm aus, und er musste sich zwingen, seine Hände ruhig zu halten. Die Mitglieder des Stammesrates hatten zwei Anwärter in die engere Auswahl genommen – und einer davon war er.
Duncan drehte den Kopf zu dem jungen Mann hin, der neben ihm auf dem Boden kniete. Auch dessen Körperhaltung verriet pure Anspannung. Aidan war zweiundzwanzig – zwei Jahre älter als er – und sie beide hatten in den letzten Monaten verbissen trainiert. Kaum ein Tag war verstrichen, an dem sie nicht an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gegangen waren, um Ausdauer, Kraft und Kampffertigkeiten zu verbessern, bis ihre Muskeln gebrannt hatten und die Müdigkeit sie schließlich zum Aufgeben gezwungen hatte. Aidan starrte auf den Boden und schien seinen Blick nicht zu bemerken – oder nicht bemerken zu wollen. Sie kannten sich ein Leben lang und waren als einfache Krieger Seite an Seite geritten, doch in den zurückliegenden Wochen waren sie zu erbitterten Rivalen geworden.
Für einen Moment kamen Duncan Zweifel. War die Ehre, der Blutkrieger zu sein, den Bruch zwischen ihm und Aidan wert? Ein hohes Ansehen sowie die Aussicht auf Ruhm waren für die Auserwählten immer mit dieser Aufgabe verbunden – aber in seinem Fall … Duncan presste die Lippen aufeinander. Er hatte niemandem von den tieferen Beweggründen für seine Bewerbung erzählt, von seinen Träumen, die ihn von Kindheit an begleiteten, und die nichts mit Schlachtfeldern, Siegen und Heldengesängen zu tun hatten.
Rasch verscheuchte er diese Überlegungen und sah wieder nach vorne. Der Häuptling des Stammes war einen Schritt auf sie beide zugegangen, und sein Blick wechselte zwischen ihm und Aidan hin und her. Schweißtropfen rannen Duncan über den bloßen Rücken. Wem hatte der Stammesrat den Vorzug gegeben?
„Duncan, tritt vor!“
Als er seinen Namen hörte, erhob er sich wie in Trance. Jubelrufe, Schulterklopfen und Glückwünsche begleiteten ihn auf dem Weg zum Häuptling, trotzdem wurde ihm nur langsam bewusst, dass er ausgewählt worden war. Vor dem Anführer der Lor’Cain blieb er stehen und streckte seinen rechten Arm vor. Er nahm kaum wahr, wie die Messerklinge seine Handfläche zerschnitt, wie er die Worte des alten Eides sprach und der Häuptling ihm den Ring mit dem großen Rubin an den Finger steckte. Es war so unglaublich und doch Wirklichkeit. Er war der Blutkrieger, angekommen am Ziel seiner Wünsche nach so vielen Jahren. Verstohlen sah Duncan sich nach Aidan um. Jetzt, da alles entschieden war, hoffte er auf ein Wort der Versöhnung mit ihm – doch er konnte ihn nirgends mehr entdecken.
„Folge uns.“
Hinter den Ratsmitgliedern betrat Duncan die Hütte des Häuptlings und ging auf die am Boden ausgebreitete Decke zu, um die herum mehrere Schalen und Wasserkrüge standen sowie Tücher und Nadeln lagen. Beim Anblick der Gegenstände überlief ihn trotz der Wärme im Raum ein kalter Schauder. Das letzte Ritual, das seine Ernennung zum Blutkrieger vervollständigen würde.
„Zieh deine Kleidung aus, Duncan, und setze dich.“
Er gehorchte, und die Männer knieten sich um ihn. Einige von ihnen rührten die schwarze Farbe in den Schalen mit Wasser zu einer zähen Paste an, während sie sich mit gedämpften Stimmen unterhielten. Ein Mann band Duncans schulterlange, schwarze Haare mit einer Schnur zu einem Zopf zusammen. Dann wusch er Duncans Körper mit Wasser ab und rieb ihn anschließend mit einem Tuch sorgfältig trocken. Nachdem der Mann die Reinigung beendet hatte, verstummten die Gespräche, und Duncan wusste, die Vorbereitungen waren abgeschlossen. Der Häuptling der Lor’Cain stimmte ein altes Lied an, in das die anderen Männer leise einfielen. Duncans Herzschlag beschleunigte sich. Ein Teil von ihm fürchtete sich vor dem, was nun folgen würde, und es war an der Zeit, sein bewusstes Denken zu verlassen, um den kommenden Schmerz zu dämpfen.
Als die ersten kalten Nadelspitzen seine Haut aufritzten, schloss er die Augen.

Kapitel 2

Delaria, 5 Jahre später

„Du musst ihn nicht lieben, du musst ihn nur heiraten!“ Sophia Marwood sah ihre jüngere Schwester Eleanor streng an. Sie standen in dem großen Esszimmer im ersten Stock ihres Hauses, das auch als Empfangsraum für wichtige Handelspartner diente. Doch im Augenblick waren sie alleine, und Sophia versuchte, sich ihre Ungeduld nicht anmerken zu lassen. Wie oft hatte sie diese Diskussion in den letzten Monaten mit ihrer Schwester geführt? Aber Ellie schien den Ernst der Lage immer noch nicht begriffen zu haben! In kerzengerader Haltung stand sie neben dem schweren Tisch in der Mitte des Raumes und funkelte Sophia böse an. Ihr trotzig gehobenes Kinn zeigte deutlich, dass sie auch dieses Mal nicht gewillt war, nachzugeben.
Trotz ihres Ärgers musste Sophia sich ein Lächeln verkneifen. Ellie war ihr in vielen Dingen so ähnlich! Wäre die Farbe ihrer Augen und Haare nicht unterschiedlich, könnte man sie für Zwillinge halten: Sie waren gleich groß, besaßen dieselbe schlanke Figur und feine, ebenmäßig geschnittene Gesichtszüge – und hatten leider auch den gleichen Starrsinn. Um Ellies Widerstand nicht weiter zu verstärken, setzte sie eine Spur freundlicher hinzu: „Er ist ein äußerst ehrenwerter Mann.“
„Er ist ein Langweiler“, antwortete Ellie ungerührt und fuhr mit den Fingern an der kunstvoll gedrechselten Lehne eines Stuhles entlang.
Sophia klopfte mit der Fußspitze auf den Boden. „Nein, das ist er nicht, sondern ein guter Buchhalter und Kaufmann“, hielt sie ihrer Schwester entgegen, und ihre blaugrauen Augen blitzten.
„Ah, daher weht der Wind!“ Ellies Brauen gingen in die Höhe. „Du willst ihn für dein Handelshaus.“
„Ja“, gab Sophia zu, denn sie wollte ihre Schwester nicht anlügen. „Wir brauchen dringend einen verlässlichen Mann, der sich um unsere Angelegenheiten am Hafen kümmert. Wenn er zur Familie gehört, können wir ihm vertrauen.“
Ihre Schwester schüttelte heftig den Kopf, sodass der geflochtene Zopf aus hellbraunem Haar auf ihrem Rücken wild hin und her schwang. „Ich will aber nur aus Liebe heiraten, so wie du!“
So wie ich. Sophia sah auf den schmalen Goldring an ihrer linken Hand, und die Trauer schlug wie eine gewaltige Woge über ihr zusammen und nahm ihr fast den Atmen. Ellie hatte recht. Sie hatte Lucas aus Liebe geheiratet, und ihre Liebe zu ihm machte es ihr jetzt so schwer. Es gab keine Nacht, in der sie sich nicht in den Schlaf weinte und ihn zu sich zurücksehnte. Die Geborgenheit seiner Nähe, seine Zuversicht, sein Lachen: All das war nun nicht mehr. Lucas war tot. Und es war ihre Schuld, nicht mit ihm gestorben zu sein. Warum nur war sie an diesem schicksalhaften Tag nicht mit ihm in die Kutsche gestiegen? Jetzt war sie zu einem Leben in Einsamkeit verdammt, denn einen Mann wie Lucas würde sie nie wieder finden.
Rasch wischte sich Sophia die Tränen aus den Augenwinkeln, damit Ellie ihren Schmerz nicht bemerkte. Hätte sie Lucas nicht aus Liebe geheiratet, ihre geschäftlichen Probleme wären nach seinem Tod dieselben – aber dieses beständige Gefühl, als sei ein Teil ihres Herzens herausgerissen, würde sie nicht immerzu quälen. Lucas fehlte ihr schrecklich, und Tag für Tag versuchte sie vergebens, über seinen Verlust hinwegzukommen: Sie schlief, sie aß, sie arbeitete, sie besuchte Versammlungen der Kaufmannsgilde und Bankette, doch ihr Inneres war leer, ihr Körper nichts weiter als eine Hülle. An dem Tag, an dem sie Lucas beerdigt hatte, hatte sie auch ihre Gefühle zu Grabe getragen. Das Einzige, was sie jeden Morgen wieder aufstehen ließ, war die Verantwortung für Ellie und der Wunsch, das Handelshaus erfolgreich weiterzuführen, um Lucas‘ Andenken zu wahren. Doch in beiden Angelegenheiten war sie mehr oder weniger erfolglos. Sophia spürte die Hand ihrer Schwester auf ihrem Oberarm und sah auf.
„Es tut mir leid“, sagte Ellie. Sie trat auf Sophia zu und strich ihr eine Strähne kastanienbraunes Haar aus der Stirn, die sich aus dem schlicht aufgesteckten Knoten gelöst hatte.
Sophia blickte ihre kleine Schwester liebevoll an. Sie wusste genau, wie groß Ellies Sorge um sie war. Lucas war nun zwei Jahre tot, und sie trauerte immer noch wie am ersten Tag. Ellie konnte das nicht verstehen, und so ließ Sophia es sich selten anmerken, wie sehr sie weiterhin litt. Sie versuchte, sich unbeschwert zu geben, doch sie merkte, wie hart und zynisch ihr Tonfall und wie gezwungen ihr Lachen geworden war.
„Sophia, ich werde diesen Buchhalter nicht heiraten“, beharrte Ellie. Vorsichtig setzte sie hinzu: „Wenn er dir so wichtig ist, könntest du selbst …“
Sophia verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich heirate nicht mehr“, erwiderte sie gepresst. Sie atmete tief durch und versuchte, den Schmerz in ihrem Inneren zu unterdrücken. Als sie schließlich weitersprach, war der Kummer aus ihrer Stimme verschwunden und Entschlossenheit zeichnete sich in ihrem Gesicht ab. „Und selbst wenn ich wieder heiraten wollte: Für ihn wäre ich zu alt, ich bin immerhin schon sechsundzwanzig. Aber dir läuft die Zeit davon, Ellie. Du bist letzten Monat neunzehn geworden, du musst dir schnellstens einen Mann suchen – solange du jung bist und unser Handelshaus noch einen guten Namen hat!“
Doch ihre Schwester blieb standhaft. „Nein, ich habe meine eigenen Vorstellungen“, erwiderte Ellie mit fester Stimme. „Ich will mir meinen Gemahl selbst aussuchen, und außerdem …“ Weiter kam sie nicht, denn auf der Treppe erklangen schwere Schritte, und im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen.
Ein Mann Ende zwanzig trat ein, stämmig, mit kurzen roten Haaren und wässrig blauen, dicht beieinanderstehenden Augen. Er durchmaß mit großen Schritten den Raum, und eine verschüchterte Dienstmagd schloss eilig die Tür hinter ihm. Vor Sophia und Ellie blieb er stehen und musterte sie mit herablassender Miene.
Beim Anblick des Mannes verhärteten sich Sophias Gesichtszüge. Marcus Marwood war Lucas‘ jüngerer Bruder, doch mit ihrem verstorbenen Ehemann hatte er weder äußerlich noch charakterlich irgendwelche Gemeinsamkeiten. Das Einzige, was sie und Marcus miteinander verband, war ihre gegenseitige Abneigung seit dem Tag, als Sophia Lucas kennengelernt hatte. Sie seufzte. Wenn Marcus so zu ihnen hereinstürmte, konnte das nichts Gutes bedeuten. Aufgrund seiner Unhöflichkeit verzichtete sie auf jede Begrüßung. „Was führt dich in mein Haus, Marcus?“, fragte sie kühl.
„In dein Haus, Schwägerin?“, erwiderte er spöttisch. „Wir wissen doch alle, mein Bruder hat dieses Haus gekauft. Du warst bettelarm, bevor du ihn vor sieben Jahren vor den Traualtar gelockt hast.“
Bei seinen beleidigenden Worten verfinsterte sich Sophias Miene weiter. „Was willst du?“, wiederholte sie in eisigem Tonfall.
Marcus fuhr mit der Hand in seine Jackentasche und zog ein Papier heraus. „Es ist ein Brief für dich angekommen. Die Anschrift ist ungenau, daher ist er mir überbracht worden“, antwortete er und reichte ihr das Schreiben, das lediglich an ‚Handelshaus Marwood in Delaria‘ adressiert war.
Sophia nahm den Brief entgegen, dessen Siegel bereits gebrochen war. Sie faltete das Papier auf und las laut vor, was dort in gestochen scharfer Handschrift geschrieben stand:

 Sehr geehrter Mister Marwood,

hiermit möchte ich Euch mit meinem aufrichtigen Beileid mitteilen, dass Richard Marwood, der Herr von Stone Creek Castle, im Alter von fünfundachtzig Jahren verstorben ist. Euch, als seinem einzigen Verwandten, obliegt nun die Verwaltung seines Nachlasses.
Ich erwarte Eure Ankunft in Riverbanks, um alles Weitere zu besprechen.

 Hochachtungsvoll,
James Ashlett, Prokurist

Sophia blickte auf, und ein argwöhnischer Ausdruck trat in ihre Augen. Die Namen im Brief waren ihr völlig unbekannt. „Was bedeutet das, Marcus?“, fragte sie misstrauisch und hielt das Schreiben hoch.
„Du erbst, Sophia. Noch mehr Geld und Besitz, die dir nicht zustehen.“
Bevor sie etwas erwidern konnte, öffnete sich, nach einem kurzen Anklopfen, die Zimmertür erneut, und ein schmächtiger Mann Mitte zwanzig stand auf der Schwelle. Sein dunkles Haar lichtete sich bereits an der Stirn, und seine braunen Augen blickten suchend im Raum umher. Als er sie entdeckte, erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht.
„Nicolas“, rief Sophia erfreut. „Du kommst gerade zur rechten Zeit!“ Nicolas war der jüngste der drei Marwood-Brüder und zum Glück weitaus angenehmer als Marcus. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder war er ein gern gesehener Gast, doch leider war Nicolas oft auf See und seine Besuche bei ihnen daher selten. Sophia deutete auf den Brief in ihrer Hand. „Weißt du von diesem Schreiben hier?“, erkundigte sie sich.
Auf ihre Frage hin kam Nicolas näher. „Ja, ich kenne seinen Inhalt“, gab er zu. „Ich wollte gemeinsam mit Marcus kommen, aber ich bin am Hafen aufgehalten worden.“ Entschuldigend neigte er seinen Kopf.
„Da Marcus mir nicht erklären will, um was es geht“, sie warf dem älteren Bruder einen verärgerten Seitenblick zu, „kannst du mir bitte die Bedeutung des Inhalts erläutern?“
„Gewiss, Sophia“, antwortete Nicolas freundlich. „Richard Marwood war unser Großonkel, durch seinen Tod geht sein Besitz an uns über. Da sein Vermögen jedoch nach Adelsrecht vererbt wird, das ausschließlich den erstgeborenen Sohn berücksichtigt, erbt Lucas alleine – beziehungsweise du als seine Witwe.“
Sophia runzelte die Stirn. „Ich muss zugeben, den Namen Richard Marwood habe ich von Lucas nie gehört“, gestand sie. „Wie kann es sein, dass jemand aus der Marwood-Familie adlig ist und eine Burg besitzt? Eure Familie lebt seit Generationen in Delaria.“
„Richards Großvater Gregorius hat als Kaufmann im Dienste König Weldons gearbeitet. Gregorius‘ Leistungen müssen den König überzeugt haben, denn er erhob ihn in den Ritterstand und setzte ihn als Zollherrn im Parnea-Gebirge ein. Stone Creek Castle ist eine kleine Festung an der alten Passstraße ins Nordland.“
Bei seinen Worten blitzte eine Erinnerung in Sophia auf. „Gab es dort nicht vor langer Zeit einen schweren Erdrutsch?“
Nicolas nickte. „Vor ungefähr hundert Jahren. Ein gewaltiges Erdbeben hat den alten Pass für immer zerstört, und Stone Creek versank in der Bedeutungslosigkeit.“
„Woher weißt du das alles so genau, Nicolas?“, wunderte sie sich.
„Mein Vater hat es uns erzählt, als wir noch Kinder waren. Er war vor vielen Jahren einmal zu Besuch in Stone Creek Castle, doch Richard Marwood sei ein Eigenbrötler gewesen und habe keinen Kontakt zu uns gewünscht.“ Nicolas Blick wanderte zu dem Schreiben in Sophias Hand. „Du müsstest dich mit diesem Prokuristen treffen, um zu entscheiden, was mit Stone Creek Castle und Richards Besitz geschehen soll.“
Ehe Sophia ihm antworten konnte, trat Ellie einen Schritt auf ihn zu. „Was ist mit Richards Titel, Nicolas?“, erkundigte sie sich neugierig. „Du sagtest doch, sein Großvater sei zum Ritter ernannt worden. Wird Sophia jetzt adlig?“ Hoffnungsvoll sah sie ihn an.
Sophia rollte mit den Augen. Ellie besaß eine ihr unerklärliche Schwäche für Adlige, sie hingegen teilte die Begeisterung ihrer Schwester für Edelleute nicht. Es fehlte noch, dass sie nun zu einem Titel käme und in irgendeiner Weise dem König verpflichtet wäre! Doch zum Glück schüttelte Nicolas den Kopf.
„Ich muss dich enttäuschen, Ellie. Der Titel eines Ritters ist nicht vererbbar. Schon Gregorius‘ Sohn war kein ‚Sir‘ mehr“, erklärte er. „Die Familie durfte die Festung behalten, doch da sie nach der Zerstörung des Passes für den König keine Bedeutung mehr als Zollherren hatten, verzichtete er auf weitere Adelungen.“ Er wandte sich wieder an Sophia. „Wirst du nach Riverbanks reisen?“, wollte er wissen.
Sophia antwortete nicht, sondern ging zu einem der verglasten Fenster und sah auf die Straße hinaus. Es war später Nachmittag und die Stadt voll Menschen: Bürger, Seeleute, Dienstboten, spielende Kinder und schreiende Händler. „Wenn ich Zeit hätte, würde ich die Fahrt unternehmen, so aber muss ich es schriftlich regeln“, sagte sie nach kurzem Überlegen. Ihr entging nicht, wie Ellie und Nicolas bei ihren Worten einen bedeutungsvollen Blick wechselten. „Versucht erst gar nicht, mich dazu überreden zu wollen!“, wehrte sie mögliche Einwände ab. „Schon alleine für die Hin- und Rückreise bräuchte ich insgesamt vier Tage, und so lange kann ich mein Handelshaus nicht alleine lassen.“
Doch Ellie kümmerten ihre Bedenken nicht. „Sophia“, sagte sie mit sanfter Stimme, „es würde dir guttun, Delaria zu verlassen. Seit Lucas‘ Tod bist du nicht mehr aus der Stadt herausgekommen. Schau nur, wie du aussiehst: Deine Kleider schlottern an deinem Körper, und unter deinen Augen liegen tiefe Schatten.“
„Deine Schwester hat recht“, pflichtete Nicolas Ellie bei. „Ein Ortswechsel würde dir helfen.“
„Helfen bei was?“, fuhr Sophia ihn wütend an. „Lucas zu vergessen?“
„Nein, du sollst ihn nicht vergessen.“ Beschwichtigend hob Nicolas die Hände. „Aber meinem Bruder wäre es bestimmt nicht recht, wenn er sähe, wie du Tag und Nacht schuftest – eine Pause würde dir neue Kraft geben. Außerdem halte ich es für wichtig, dass du persönlich nach Riverbanks und auch nach Stone Creek fährst“, fuhr er im Tonfall des nüchtern denkenden Kaufmanns fort. „Dieser James Ashlett ist wahrscheinlich ein anständiger Mann, doch ist es immer besser, selbst vor Ort zu sein und sich einen Überblick zu verschaffen. Er könnte dir sonst leicht etwas vorenthalten und für sich beiseite nehmen!“, erklärte er scharf.
Verwundert blickte Sophia Nicolas an. Für einen Moment hatte sie gedacht, Habgier in seinen Augen aufleuchten zu sehen, doch … sie musste sich täuschen. Nicolas wollte sie nur gut beraten und vor Fehlern bewahren. Trotzdem hatte sie noch Bedenken. „Ich ziehe es grundsätzlich auch vor, mir ein eigenes Bild zu machen. Aber ich würde mindestens eine Woche unterwegs sein“, überschlug sie die Reisedauer und schüttelte dann den Kopf. „Das ist einfach zu lang.“
Sie führte das Handelshaus mit Ellies Unterstützung und mithilfe eines Speicheraufsehers alleine. Alles Notwendige hatte sie von Lucas gelernt, und dieser hatte ihr einen guten Geschäftssinn bescheinigt. Doch inzwischen gab es große Probleme, obwohl ihre Schiffe stets reich beladen in Delaria einliefen. Aus ihrem Lagerhaus verschwanden Waren, und der Schaden – auch für ihren Ruf als Kaufmann – war inzwischen enorm geworden. Aber trotz mühevoller Suche hatte sie noch nicht ausfindig machen können, wer für diese Diebstähle verantwortlich war. „Zudem erwarte ich in nächster Zeit die Argestes zurück“, erklärte sie, „und muss mich um das Löschen der Schiffsladung kümmern. Du weißt, mir fehlt seit Längerem ein Hafenmeister.“
Nicolas knetete seine Finger. Es missfiel ihm offensichtlich, dass sie die Reise nicht antreten wollte. „Ich würde dir meine Hilfe anbieten, aber ich muss in zwei Tagen wieder auf See“, sagte er und drehte seinen Kopf zu seinem Bruder. „Wärst du bereit, die Argestes in Sophias Abwesenheit in Empfang zu nehmen?“
Marcus gab ein Knurren von sich, und auch Sophias Gesichtsausdruck verdüsterte sich bei Nicolas‘ Vorschlag.
„Ich werde mich alleine um das Kontor und um die Argestes kümmern“, sagte Ellie schnell, die wirklich beseelt von dem Wunsch schien, sie auf die Fahrt nach Stone Creek zu schicken. „Ich arbeite doch schon lange im Handelshaus mit. Und wenn es Fragen gibt, wende ich mich an Thomas Stephanus.“
Sophia schüttelte den Kopf. Thomas Stephanus Grant war einer der Ratsherren Delarias, selbst Kaufmann und einstiger Freund Lucas‘, der ihr sehr verbunden war – trotzdem konnte sie ihn nicht mit ihren Problemen belästigen. „Thomas Stephanus ist ein viel beschäftigter Mann, Ellie. Selbst wenn er wollte, hätte er nicht genug Zeit. Ich bleibe in Delaria und schicke einen Boten zu diesem Prokuristen.“
Ihre Schwester schien über ihre Entscheidung genauso enttäuscht wie Nicolas, nur Marcus lachte laut.
„So viel zu deinem Familiensinn, Sophia!“, höhnte er und sah sie verächtlich an. „Deine Geschäfte sind dir wichtiger als deine Verwandten. Denn darüber, den Toten die Ehre eines Besuchs zu erweisen, kommt kein Wort von dir – auch wenn du das Vermögen gerne einstreichst. Aber das wundert mich bei dir nicht.“
Überrascht sah Sophia Marcus an. An diesen Aspekt hatte sie überhaupt nicht gedacht, und sie schämte sich augenblicklich dafür. Sie war Lucas einen Besuch bei seinem Großonkel schuldig, obgleich die Vorstellung, einen Friedhof zu betreten und an einem Grab zu stehen, ihr Angst machte – und das, obwohl sie den Menschen, der dort beerdigt lag, nicht kannte.
„Marcus!“, rief Nicolas, der ihr Erbleichen bemerkt hatte, und warf seinem Bruder einen scharfen Blick zu.
„Also gut“, erklärte Marcus schließlich widerwillig. „Ich werde das Entladen der Argestes beaufsichtigen und Ellie bei Bedarf im Kontor helfen. Denn, wenn Sophia nicht nach Stone Creek fährt, wirft das ein schlechtes Licht auf uns alle. Und niemand soll sagen, die Familie Marwood kümmere sich nicht um ihre verstorbenen Angehörigen!“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber ich erwarte einen Anteil aus Richards Erbe dafür, meine Zeit für ihre Angelegenheiten zu opfern.“
„Danke, Marcus, für deine Großzügigkeit“, erwiderte Sophia ironisch. Sein schnelles Einlenken erstaunte sie. Sie war sich nicht sicher, ob es wirklich seinem Pflichtgefühl gegenüber seinen Angehörigen geschuldet oder vielmehr eine Taktik war, um aus dieser Erbschaft für sich einen Gewinn zu ziehen. Doch wie dem auch sein mochte, nun sprach nichts mehr gegen eine Reise ins Parnea-Gebirge. Zwar gefiel es ihr nicht, auf die Hilfe ihres ungeliebten Schwagers angewiesen zu sein, andererseits war es ihr wohler, diese Sache persönlich zu regeln – und anständiger war es auch.
„Ich werde fahren“, verkündete sie. „Ende der Woche breche ich auf.“